Mein werter mormonischer Zeitgenosse,
der du irgendwie meine Mailadresse herausbekommen hast (es ist ja auch gar nicht so schwierig) und der du meinst, mich anschreiben zu müssen, weil es dir so gar nicht gefallen hat, dass dein toller Prophet Joseph Smith sich auch mal beim Termin für das Ende der Welt vertan hat.
[Falls du es in Ruhe nachlesen möchtest, du findest es in LuB 130:14-17, verfasst am 2. April 1843. Kurz darauf, am 6. April 1843, machte Joseph Smith auf der damaligen Generalkonferenz die zusätzliche Prophezeihung: "Es gibt Menschen in dieser heranwachsenden Generation, die werden den Tod nicht schmecken, bis Christus kommt". LuB hast du ja sowieso herumliegen, und die Generalkonferenzen sind schriftlich festgehalten...]
Ich kann ja verstehen, dass dir so etwas nicht behagt und dass du deshalb allerlei gedankliche Konstruktionen machen möchtest, um die Worte deines großen Propheten in einer eher metaphorischen Weise zu deuteln. Sonst könnte es ja sein, dass die gesamte von deinem tollen Propheten geoffenbarte Religion mit ihren tollen freimaurerischen Geheimritualen, zaubermächtigen Amuletten in der permanent getragenen Unterwäsche und der Aussicht, selbst zu Gott zu werden, war Gott doch einst wie wir, dass das alles — na, ich sags mal auf deutlich deutsch — dass das alles fürn Arsch ist. Das ist keine angenehme Vorstellung; vor allem dann nicht, wenn man schon ein bisschen für diesen ganzen Nonsens Glauben gelebt hat, womöglich sogar als junger Mensch zwei Jahre Mission auf sich genommen hat und seine ganzen sozialen Beziehungen innerhalb dieser auf den tollen Propheten Joseph Smith zurückgehenden Gemeinschaft hat. Da sieht man sich schnell mit seinem inneren Auge vor einem ganz tiefen Abgrund stehen — und das nur, weil so ein „Seher, Prophet und Offenbarer“ einmal den unsäglich dummen Fehler gemacht hat, eine seiner Offenbarungen dadurch überprüfbar zu machen, dass er eine Zeit angab.
Aber tu doch jetzt bitte nicht so, als wäre das der einzige Fehler, den dein toller Prophet Joseph Smith nachweislich begangen hätte. Mir gefällt ja am besten das, was du in der Köstlichen Perle stehen hast, hinten, fast als ein Anhang zu LuB, diesem Buch mit der kompletten Zusammenfassen alldessen, was die Kirche deines tollen Propheten Joseph Smith zu einer Psychosekte ersten Kalibers macht. Da sind auch so ein paar tolle Zeichnungen drin, weil dein toller Prophet auch Hieroglyphen lesen konnte und ein Buch in die Hände bekam, dass von Abraham selbst in ägyptischer Sprache geschrieben wurde — so sagte er jedenfalls. Oder lesen wir doch einfach mal die Einleitung des Buches Abraham in der Köstlichen Perle:
Eine Übersetzung von alten Aufzeichnungen, die aus ägyptischen Grabstätten stammen und in unsere Hände gelangt sind. – Die Schriften Abrahams aus der Zeit, da er in Ägypten war, das Buch Abraham genannt, von ihm mit eigener Hand auf Papyrus geschrieben.
[Sollte sich der Text inzwischen mal wieder geändert haben -- tut mir leid, meine Sammlung digitalisierter religiöser Quellentexte ist schon etwas betagter, und die LSD LDS-Kirche ändert öfter mal die "heiligen" Schriften.]
Nicht, du weißt als echter LSD LDS auch, dass das so richtig „heilige Schrift“ ist. Da hängen sogar ein paar Glaubenssätze dran, die sonst nur auf Joseph Smith zurückgehen würden, zum Beispiel die Lehre von der Präexistenz, die Lehre vom Priestertum und die Lehre vom Ewigen Fortschritt [Für Nicht-Mormonen: Das ist kein Witz!]. Wie praktisch für deinen tollen Propheten Joseph Smith, dass da ein persönlich von Abraham mit eigener Hand geschriebener Text auftauchte, den er nur noch „übersetzen“ musste, sonst hätte ihm womöglich niemand seine tollen Offenbarungen abgekauft. Aber so ein Papyrus zur rechten Zeit, in dem sogar tolle ägyptische Zeichnungen sind, die zwar ein bisschen beschädigt sind, die man aber doch ganz gut ergänzen kann…

…damit die tolle Geschichte, die man darin übersetzt, die tolle Geschichte von einem Abraham, der beinahe auf einem Altar für die Götzen geopfert worden wäre, aber doch von Jehova gerettet wurde, auch so richtig zur Geltung kommt. Ist ja wichtig, denn der Rest muss ja auch sitzen, und so erfährt der Leser auch gleich, dass Abraham das Priestertum kannte und von Jehova persönlich erzählt und gezeigt bekommen hat, auf welchem Planeten Jehova so lebt.
Nun, dein toller Prophet Joseph Smith hat leider auch hier einen kleinen technischen Fehler gemacht, denn das von ihm „übersetzte“ Papyrus existiert noch, und inzwischen gibt es auch genug Leute, die Altagyptisch ganz gut lesen können und nur wenig Mühe damit haben, den darauf geschriebenen, religiösen Text zu deuten, der sich übrigens recht zwanglos in die gesamte altägyptische Religiosität einbettet — schau es dir doch einfach einmal an und jaul mich bitte nicht länger mit deinem tollen Propheten voll!
Wie, das kann doch alles gar nicht stimmen, denn das hat man dir in deiner Kirche alles gar nicht erzählt? Das wundert mich — ganz ehrlich gesagt — nicht weiter. Von Lügnern erwarte ich nur Lüge und sonst gar nichts. Wenn du nichts anderes kennenlernst als diese Lügen, denn ist das deine Verantwortung, nicht meine.
Und jetzt lass mich bitte in Ruhe. Wenn man mich mit Bullshit belästigst, werde ich einfach ein bisschen renitent, und ich bin weißgott die falsche Zielgruppe für den missionarischen Eifer irgendwelcher Anhänger irgendwelcher Bullshit-Propheten. Wenn dir mein Geschreibe nicht gefällt, mach irgendwo ein Blog auf und schreib dort was anderes und erzähl nicht mir, was ich schreiben soll! Das Internet ist groß. Ich habe dich nicht zum Lesen gezwungen.
Deine Mails landen jetzt übrigens dort, wo auch Viagra, Roleximitate und Betrugscasinos landen. In gewisser Weise folgst du deinem tollen Propheten wirklich gut, du kannst das ja mal bei nächster Gelegenheit als Zeugnis geben.
Manchmal gehst du doch bestimmt zu diesen LDS-Schulungen, wo auf allen Schulungsunterlagen dieser Bienenstock draufgedruckt ist, unter dem der Text „Die Schönheit Gottes ist Intelligenz“ steht. Lass du dich weiter verdummen, ich nutze mein Gehirn!
Geh sterben in dein celestiales Reich!
Elias
Manchmal möchte man aber auch…
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“Es wird in jeder Gesellschaft einen Ausgleich geben müssen zwischen Arm und Reich – aber eben nicht im Gesundheitssystem.” Mit dem Sozialstaatsgedanken haben die Vorstellungen, die der frischgebackene Gesundheitsminister Philipp Rösler in der gestrigen Bundestagsdebatte über das Gesundheitssystem offenbarte, nur mehr wenig zu tun. Die neue Regierung will das System der gesetzlichen Krankenkassen von Grund auf reformieren.
Als am gestrigen Abend die Meldung vom Freitod des deutschen Fußball-Nationaltorwarts Robert Enke über die Ticker ging, ließ sich bereits ahnen, welche Vorstellung ab heute im Medienzirkus gegeben wird. Der bedauerliche Freitod eines jungen Mannes, der offensichtlich dem horrendem Druck des Profisports nicht mehr gewachsen war, verkauft sich natürlich gut. Wer in den Medien nun auf einen Funken Selbstkritik wartet, der wartet freilich vergebens. Auch die Verantwortlichen aus dem Umfeld des Fußballs trauern auffällig laut – auch hier, keine Spur von Selbstkritik. Stattdessen wird der Voyeurismus des Pöbels schamlos bedient.
Ein Blick in die Online-Sektionen deutscher Printmedien offenbart die mediale Ohnmacht. Wo man auch hinschaut – es wird spekuliert, was das Zeug hält. Die
Sebastian Deisler hat die Reißleine ziehen können, als er erkannte, dass er am harten Profifußballgeschäft zerbrach. Deisler war nicht schwach, er war stark. Zu erkennen, dass man an den Anforderungen des Umfelds zerbricht, ist Stärke. Sich hingegen von seinem Umfeld verbiegen zu lassen, ist Schwäche. Enke war anscheinend nicht so stark wie Deisler, er hat den Absprung aus einer seelischen Abwärtsspirale nicht geschafft. Anstatt über die Umstände des Freitods des Torwarts zu spekulieren, sollte dieser tragische Todesfall ein Startsignal dafür sein, Themen wie Depression und das Scheitern an gesellschaftlichen Ansprüchen zu thematisieren.
Auf den Tag genau vor zwanzig Jahren fiel die Mauer und ganz Deutschland war wie besoffen vor Freude. Zu recht – schließlich war es eine äußerst glückliche Wendung der Geschichte, dass die kollabierende Sowjetunion sich friedlich von ihren Satellitenstaaten in Osteuropa trennte und deren Völkern die Entscheidung über ihre Zukunft selbst überließ. Noch ein halbes Jahr vor dem Mauerfall hätte kein ernst zu nehmender Historiker und Politologe diese Entwicklung auch nur erahnt. Der real existierende Sozialismus hatte sich selbst abgewirtschaftet und war ökonomisch und vor allem moralisch am Ende. Auch die Ostdeutschen wollten ihre Geschichte selbst in die Hand nehmen und ihr System reformieren. Diese Gelegenheit wurde ihnen vom Westen aber nicht gegeben. In einem politischen Parforceritt ohne Gleichen wurde die DDR angegliedert und dann Stück für Stück abgewirtschaftet. Heute stehen die osteuropäischen Länder Slowenien und Tschechien ökonomisch sogar schon besser da als Ostdeutschland, obgleich die DDR zu Comecon-Zeiten weitaus konkurrenzfähiger war als ihre sozialistischen Bruderländer. Schlimmer noch, Ostdeutschland stagniert und auch Ungarn, Polen und die Slowakei werden aller Voraussicht nach den deutschen Osten bald ökonomisch überholen.
Noch schlimmer als die Währungsunion war jedoch die rasch beschlossene Lohnanpassung auf Westniveau. Innerhalb von nur fünf Jahren sollten die Löhne der Ostdeutschen vom Niveau eines Entwicklungslandes an das Niveau des damals vielleicht produktivsten Landes der Welt angepasst werden. Dies konnte natürlich nicht gutgehen, schließlich hatte damals kein einziges Ost-Unternehmen eine Produktivität, die auch nur im Ansatz mit der westlicher Firmen vergleichbar war. Wenn nun aber die Kosten der Ost-Unternehmen im Schweinsgallop zu denen der westlichen Konkurrenz aufschließen, ohne dass die Produktivität im gleichen Maße gesteigert wird, droht diesen – im Kern gesunden – Unternehmen in Windeseile das Aus. Dies alles ist Volkswirtschaft für Anfänger und noch nicht einmal die arbeitgebernahen Wirtschaftsinstitute plädierten zu diesen Zeiten für eine schnelle Anpassung der Löhne oder eine 1:1 Währungsunion.
Westdeutsche Unternehmen konnten nun ihre Ostkonkurrenz übernehmen und liquidieren. Nun konnten sie nicht nur den ostdeutschen Markt – steuerlich subventioniert – übernehmen, sie konnten auch ungestört im osteuropäischen Markt kannibalisieren. Als die Mauer fiel, hatten west- und ostdeutsche Unternehmen noch ungefähr den gleichen Marktanteil in Osteuropa. Als man 1996 aufhörte, getrennte Statistiken für West- und Ostdeutschland zu erheben, hatte der Westen seine Umsätze in Osteuropa jährlich mit zweistelligen Prozentzahlen ausbauen können, während der ostdeutsche Anteil sogar Jahr für Jahr zurückging. Der osteuropäische Markt ist der Ostwirtschaft nicht weggebrochen, er wurde ihr vom Westen weggenommen.
Was könnte man strukturpolitisch ändern, um diese Entwicklung umzukehren? Geld, Geld und nochmals Geld, aber nicht für den Konsum, sondern für Investitionen. Hier unterscheidet sich Ostdeutschland diametral vom Westen. Während im Westen die Binnenwirtschaft lahmt und sowohl der industrielle Unterbau, als auch der Unterbau im Dienstleistungssektor, im Kern gesund sind, fehlt es im Osten an allen Ecken und Enden. Sollte man den Osten mit einer simplen Erhöhung der Transfers helfen wollen, so landet dieses Geld im Endeffekt wieder im Westen.
Um sich der immer lauter werdenden Kritik an den Relevanzkriterien der Wikipedia zu stellen, lud die Wikimedia Foundation am Donnerstagabend in ihre Vereinsräume nach Berlin. Im Rahmen einer
Es gehört nicht viel Mut dazu, Gott und die Welt zu kritisieren, wenn man am warmen, sicheren Schreibtisch in Deutschland sitzt. Während wir hier offen über Ideologien diskutieren und jede Aussage der Mächtigen kritisch begleiten, sitzen Freunde des freien Meinungsaustausches anderenorts in Haft und müssen Folter und Erniedrigungen über sich ergehen lassen. Hossein Derakhshan, der unter seinem Pseudonym Hoder zu einem der bekanntesten iranischen Blogger wurde,
Hossein Derakhshans Geschichte ist gleich mehrfach tragisch. Als er vor einem Jahr nach achtjährigem Exil in seine alte Heimat zurückkehrte, glaubte er fest daran, man könne dem real-existierenden System Irans ein menschlicheres Antlitz verpassen. Doch nicht nur das – Hossein dachte sogar, man könne diese Reformen unter der Präsidentschaft Ahmadinedschads erreichen. Mehr noch, er nahm Ahmadinedschad sogar explizit vor den Anfeindungen exiliranischer Kritiker in Schutz und steht seitdem auch auf deren „Abschussliste“ ganz oben.
Doch sein Vertrauen in Ahmadinedschad war nicht sein einziger Fehler – Hossein dachte vor seiner Einreise auch, sein kanadischer Pass und die guten Verbindungen seiner Familie zur Führungsspitze in Teheran würden ihn vor eventuellen Repressionen schützen. Auch hier lag er dramatisch daneben. Iran erkennt doppelte Staatsbürgerschaften grundsätzlich nicht an und das kanadische Außenministerium scheint sich – freundlich formuliert – nicht eben ein Bein auszureißen, um seinen Staatsbürger aus dem Evin-Gefängnis zu holen. Anfragen bei der kanadischen Botschaft werden lediglich lapidar mit dem Hinweis beantwortet, man würde ja alles tun, was möglich sei, könne aber über Details natürlich keine Auskunft geben – dies ist zwar verständlich, aber da diese Standardantwort seit nahezu neun Monaten in Form und Vortrag dieselbe ist, kann man schon berechtigte Zweifel daran hegen, dass es den Kanadiern wirklich ernst ist.




