Als am gestrigen Abend die Meldung vom Freitod des deutschen Fußball-Nationaltorwarts Robert Enke über die Ticker ging, ließ sich bereits ahnen, welche Vorstellung ab heute im Medienzirkus gegeben wird. Der bedauerliche Freitod eines jungen Mannes, der offensichtlich dem horrendem Druck des Profisports nicht mehr gewachsen war, verkauft sich natürlich gut. Wer in den Medien nun auf einen Funken Selbstkritik wartet, der wartet freilich vergebens. Auch die Verantwortlichen aus dem Umfeld des Fußballs trauern auffällig laut – auch hier, keine Spur von Selbstkritik. Stattdessen wird der Voyeurismus des Pöbels schamlos bedient.
Diese Art des Sensationsjournalismus verkauft sich anscheinend so gut, dass die Medien ihre selbst aufgestellten Richtlinien für solche Todesfälle über Bord werfen und schamlos mit einer menschlichen Tragödie Auflage und Reichweite machen. Dabei werden nicht nur nahezu alle Empfehlungen von psychologischen Sachverständigen missachtet, die aktuellen Artikel der „Qualitätsmedien“ gleichen vielmehr 1:1 der Negativliste, wie man es nicht machen sollte. Die mangelnde Ethik der Medien ist dabei nicht nur medientheoretisch anstößig, sie wird – da sind sich die Fachleute einig – auch Todesopfer fordern. Der Fall Enke ist nämlich ein Lehrbuchbeispiel für den sogenannten „Werther-Effekt“.
Die Leiden des jungen Werther
Robert Enke war nicht nur ein sensibler Spitzensportler, er war auch ein Sympathieträger, der für viele Fußballanhänger eine Vorbildfunktion hat. Genau dieser Umstand macht aus der Berichterstattung über den Freitod des Sportlers ein Politikum. In dem Fachaufsatz „Selbstmord als Nachahmungstat“ beschreibt Psychologieprofessor Volker Faust die Problematik wie folgt:
Suizide von Prominenten haben eine ggf. ernstzunehmende Sogwirkung, wenn darüber entsprechend berichtet wird. Dieser Effekt wird umso deutlicher, je bekannter, sympathischer und beliebter die durch eigene Hand verstorbene Person ist.
Als Johann Wolfgang von Goethe 1774 seinen Roman „Die Leiden des jungen Werther“ veröffentlichte, zog dies eine Reihe von Selbstmorden nach sich, die in ihrer Inszenierung durch Goethes Protagonisten inspiriert waren, der sich im Roman aus Liebeskummer das Leben nimmt. Damals sprach man von einem „Werther-Fieber“, heute spricht man in den Medienwissenschaften vom „Werther-Effekt“. Als erster Wissenschaftler stellte der amerikanische Soziologe David Philipps in den 70ern Zusammenhänge zwischen der medialen Berichterstattung über Suizide prominenter Persönlichkeiten und Nachahmungstätern fest. Ob und in welcher Art die Medien eine Mitverantwortung für solche Folgetaten tragen, ist schwer zu beantworten. In Wien gibt es seit über 10 Jahren ein „Gentlemen´s-Agreement“ zwischen den lokalen Medien und den Wiener Verkehrsbetrieben. Seit nicht mehr über Suizide in der Wiener U-Bahn berichtet wird, ist die Zahl der Selbstmorde um rund 50% gesunken. Auch im Pressekodex des deutschen Presserats verpflichten sich die Printmedien zu einer „zurückhaltenden Berichterstattung“ bei Suiziden – wenn das öffentliche Interesse an einem solchen Fall allerdings auch eine wirtschaftliche Komponente beinhaltet, gelten derlei hochmoralische Schwüre in der modernen Presselandschaft allerdings offensichtlich nicht mehr.
Das Versagen der „Qualitätsmedien“
Ein Blick in die Online-Sektionen deutscher Printmedien offenbart die mediale Ohnmacht. Wo man auch hinschaut – es wird spekuliert, was das Zeug hält. Die Negativliste aus den Medienempfehlungen der „Deutschen Gesellschaft für Suizidprävention“ beschreibt die Berichterstattung der „Qualitätsmedien“ wohl am besten:
- Ein Suizid sollte nicht als Aufmacher auf der Titelseite erscheinen. Geschenkt, bis auf die FTD erschien heute kein einziges Publikumsmedium mit einem anderen Thema als Aufmacher.
- Es sollten weder Fotos noch Dokumente wie der Abschiedsbrief publiziert werden. Natürlich wäre es naiv, anzunehmen, dass eine Berichterstattung über den Freitod eines Sportstars ohne Foto auskäme. Die Wahrscheinlichkeit, dass der Abschiedsbrief nicht in den nächsten Tagen 1:1 von der BILD-Zeitung abgedruckt wird, geht derweil allerdings gegen Null.
- Der Suizid sollte nicht als nachvollziehbare, konsequente oder unausweichliche Reaktion dargestellt werden oder als alternativlos dargestellt werden. Im Falle Enke hatten die lieben Kollegen der schreibenden Zunft bereits am gestrigen Abend nichts Besseres zu tun, als den Freitod als nachvollziehbare Reaktion auf den Tod seiner Tochter darzustellen.
- Die Suizidmethode und der Ort des Suizids sollten weder detailliert beschrieben, noch abgebildet werden. „Natürlich“ weiß heute ganz Deutschland ganz genau, an welchem Ort sich Robert Enke wie umgebracht hat. Selbst komplett irrelevante Details werden in den Rang einer Sondernachricht gehoben.
Den „Qualitätsmedien“ geht es nicht um eine pietätsvolle Berichterstattung, die den berechtigten Informationsbedarf der Leser genüge tut, es geht um eine sensationsheischende Berichterstattung, bei der es keine Tabus gibt. Schon gar nicht geht es den Medien um Suizidpräventation. Es wäre nach wissenschaftlichen Erkenntnissen über den „Werther-Effekt“ naiv, anzunehmen, dass die Berichterstattung im Falle Enke keine Nachahmungstäter finden wird. Suizidgefährdete sind oft extrem labil und bereits der kleinste Funke kann ausreichen, um eine verhängnisvolle Reaktion auszulösen. Die Verantwortung der Medien ist allerdings in Zeiten der rückläufigen Auflagen und Werbeerlöse anscheinend zu einem Thema für Sonntagsreden verkommen.
Spiegel-Online, Welt und die Süddeutsche bieten ihren Lesern sogar die Möglichkeit eines virtuellen „Kondolenzbuches“. Welche Funktion soll ein solcher „Klickfänger“ haben, außer der Verbesserung der werberelevanten Page-Impressions? Natürlich hat das Volk immer Interesse an pikanten und auch an pietätslosen Details – aber als Journalist muss man auch mal eine Grenze ziehen. Es kann nicht sein, dass alles der Sensationsgier des Pöbels unterworfen wird. Auch die anderen hinlänglich bekannten „Klickfänger“ wurden bei der Berichterstattung über den Freitod Enkes an den Start gebracht – belang- und endlose Fotostrecken, hilf- und ratlose Kommentare und sinn- und pietätslose Forenbeiträge. Wenn sogar ein großer Teil der ansonsten nicht eben zartbesaiteten SPON- und WELT-Forennutzer lautstark fordert, die Foren zu diesem Thema aus Pietätsgründen zu schließen, sollte dies den Anbietern eigentlich zu denken geben. Auf einen solchen Denkprozess müssen wir allerdings wahrscheinlich noch sehr lange warten.
Zeit zum Nachdenken
Dabei gebe es mannigfaltige Ansätze, wie man den Freitod von Robert Enke verantwortungsvoll angehen könnte. Warum findet man in den „Qualitätsmedien“ beispielsweise keinen Beitrag, in dem das Thema „Depressionen und Suizidgefahr“ einmal enttabuisiert wird? Robert Enke war nicht der einzige an Depressionen Erkrankte, der sich scheute, sein Arbeitsumfeld und die Öffentlichkeit einzuweihen. Wie viele Ärzte, Manager oder auch “kleine” Angestellte leiden an Depressionen und haben Angst, im alltäglichen Wettkampf um die berufliche Existenz ausgesondert zu werden, wenn Details über ihre Erkrankung bekannt werden? Es ist unsere Gesellschaft, die psychische Leiden tabuisiert, die in irgendeiner Form signalisieren, dass der Erkrankte im harten Konkurrenzkampf um den Arbeitsplatz nicht mithalten kann. Vor allem im Profi-Fußball, einem Umfeld, in dem bis heute sogar Homosexualität immer noch tabuisiert wird, gelten hier verschärfte Bedingungen. In einer Männergesellschaft, in der jede Regung der Seele als Schwäche ausgelegt wird, gelten auch Depressionen als Tabu, wie der Fall „Sebastian Deisler“ beweist.
Ich bin vielleicht empfindsam, aber nicht empfindlich, schon gar nicht schwach, wie viele denken. Ich, schwach? Ich war 19, 20, als die Deutschen meinten, ich könnte ihren Fußball retten. Ich allein.
[…]
Wenn man sich einige dieser Journalisten genau anschaut, sagt man sich: Das ist ja ein Wahnsinn, dass die alles über mich schreiben dürfen! Diese Oberflächenschwimmer! Einige von denen haben keine Ahnung, kein Gewissen, aber die Macht, für Millionen Menschen ein Bild von mir zu zeichnen. Und wenn man dieses Spiel nicht mitspielt, wenn man ihren Ansprüchen nicht folgt, ist man derjenige, der als nicht normal gilt. Heute frage ich mich, ob das System, das ich verlassen habe, vielleicht kranker ist, als ich es war.
Sebastian Deisler
Sebastian Deisler hat die Reißleine ziehen können, als er erkannte, dass er am harten Profifußballgeschäft zerbrach. Deisler war nicht schwach, er war stark. Zu erkennen, dass man an den Anforderungen des Umfelds zerbricht, ist Stärke. Sich hingegen von seinem Umfeld verbiegen zu lassen, ist Schwäche. Enke war anscheinend nicht so stark wie Deisler, er hat den Absprung aus einer seelischen Abwärtsspirale nicht geschafft. Anstatt über die Umstände des Freitods des Torwarts zu spekulieren, sollte dieser tragische Todesfall ein Startsignal dafür sein, Themen wie Depression und das Scheitern an gesellschaftlichen Ansprüchen zu thematisieren.
The games must go on
Stattdessen bläst Deutschland zur kollektiven Trauer. Fußballfans, die Robert Enke mit Gegenständen beschmissen hätten, wenn er sportlich versagt hätte, und die ihn von den Rängen als Weichei verhöhnt hätten, wenn er sich aufgrund seiner Depressionen eine Auszeit genommen hätte, fragen sich nun lautstark „warum?“. Ja, liebe „Fans“ – warum? Journalisten, die jede Schwäche des Torwarts gnadenlos gegen ihn instrumentalisiert hätten, spielen die Unschuld vom Lande und fragen „warum?“ Ja, liebe „Journalisten“ – warum? Auch Vereinsbosse, die um ihre Millioneninvestition fürchten, Spielerberater, deren Honorar sich an Gehalt und Transfersummen ihrer Spieler orientiert, und Funktionäre, die schon im Fall Deisler demonstrierten, dass sie nicht das geringste Verständnis für die Seele ihrer jungen Spieler haben, geben sich heute komplett ratlos und fragen „warum?“ Sicher, Profifußballer erhalten für die immense seelische Belastung auch ein fürstliches Schmerzensgeld. Aber „was hülfe es, die ganze Welt zu gewinnen, wenn die Seele daran Schaden nimmt.“
Lesetipp zum Thema: Dirk Gieselmann – Flickering Lights
Jens Berger
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Post tags: Freitod, Medienkritik, Robert Enke, Sensationsjournalismus, Suizid
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Um sich der immer lauter werdenden Kritik an den Relevanzkriterien der Wikipedia zu stellen, lud die Wikimedia Foundation am Donnerstagabend in ihre Vereinsräume nach Berlin. Im Rahmen einer
Es gehört nicht viel Mut dazu, Gott und die Welt zu kritisieren, wenn man am warmen, sicheren Schreibtisch in Deutschland sitzt. Während wir hier offen über Ideologien diskutieren und jede Aussage der Mächtigen kritisch begleiten, sitzen Freunde des freien Meinungsaustausches anderenorts in Haft und müssen Folter und Erniedrigungen über sich ergehen lassen. Hossein Derakhshan, der unter seinem Pseudonym Hoder zu einem der bekanntesten iranischen Blogger wurde,
Hossein Derakhshans Geschichte ist gleich mehrfach tragisch. Als er vor einem Jahr nach achtjährigem Exil in seine alte Heimat zurückkehrte, glaubte er fest daran, man könne dem real-existierenden System Irans ein menschlicheres Antlitz verpassen. Doch nicht nur das – Hossein dachte sogar, man könne diese Reformen unter der Präsidentschaft Ahmadinedschads erreichen. Mehr noch, er nahm Ahmadinedschad sogar explizit vor den Anfeindungen exiliranischer Kritiker in Schutz und steht seitdem auch auf deren „Abschussliste“ ganz oben.
Doch sein Vertrauen in Ahmadinedschad war nicht sein einziger Fehler – Hossein dachte vor seiner Einreise auch, sein kanadischer Pass und die guten Verbindungen seiner Familie zur Führungsspitze in Teheran würden ihn vor eventuellen Repressionen schützen. Auch hier lag er dramatisch daneben. Iran erkennt doppelte Staatsbürgerschaften grundsätzlich nicht an und das kanadische Außenministerium scheint sich – freundlich formuliert – nicht eben ein Bein auszureißen, um seinen Staatsbürger aus dem Evin-Gefängnis zu holen. Anfragen bei der kanadischen Botschaft werden lediglich lapidar mit dem Hinweis beantwortet, man würde ja alles tun, was möglich sei, könne aber über Details natürlich keine Auskunft geben – dies ist zwar verständlich, aber da diese Standardantwort seit nahezu neun Monaten in Form und Vortrag dieselbe ist, kann man schon berechtigte Zweifel daran hegen, dass es den Kanadiern wirklich ernst ist.
Die Schäferhündin Blondi starb am 30. April 1945 im Alter von elf Jahren. Wer mehr über Hitlers Hund wissen will, wird auf den deutschsprachigen Seiten der Wikipedia fündig, denn Blondi gehört zu den 21 Hunden, denen von der Wikipedia das Attribut „relevant“ verliehen wurde. Nach den Wikipedia-Kriterien ist ein „tierisches Individuum“ relevant, wenn „ein besonderes wissenschaftliches oder öffentliches Interesse an ihm dokumentiert ist“. Damit unterscheidet sich Blondi von 99 Prozent aller lebenden menschlichen Individuen, die laut Wikipedia irrelevant sind. Wer relevant ist und wer nicht, entscheidet sich an der Eingangstür. Nur wer den strengen Blicken der virtuellen Türsteher standhält, darf sich freuen, Bestandteil des Weltwissens zu sein.
Vielleicht haben Hans-Jürgen Jakobs und Oliver Das Gupta in ihrem
Broder vertritt den Standpunkt, dass Antizionismus letztlich nur maskierter Antisemitismus sei. Antisemitismus wiederum sei eine Geisteshaltung, die darauf abziele, Juden ihr Existenzrecht abzusprechen. Wer also Kritik an der zionistischen Politik des Staates Israel betreibt, ist nach demnach nach Broders Lesart nicht nur ein Antisemit, er spricht zudem den Juden ihr Existenzrecht ab. Das bloße Thematisieren des Nahost-Konflikts trägt für Broder bereits antisemitische Züge. In einer Rede vor dem Innenausschuss des Bundestages unterstellte Broder Politikern und Journalisten, die sich mit dem Nahost-Konflikt beschäftigen und nicht mit Darfur, Zimbabwe, dem Kongo und Kambodscha, dass sie diese Konflikte lediglich deshalb weniger beachten, weil „dort keine Juden involviert sind“. Mit der gleichen „Logik“ könnte man auch Broders Fixierung auf das Thema Islam einmal psychologisch sezieren. Wenn Broder die rhetorische Frage in den Raum wirft, wieviele Stellungnahmen die außenpolitische Sprecherin der Linken in den letzten Monaten zum Thema Palästina und wieviele zum Thema Tibet verfasst hat, so müsste man Broder einmal fragen, wieviele Stellungnahmen er in den letzten Monaten zum vermeintlichen Konflikt zwischen muslimischen Migranten und der deutschen Gesellschaft verfasst hat und wieviele zum Konflikt in Kambodscha. Ist Broder etwa ein Rassist? Aber nicht doch.
Broder als Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland? Ja geht´s denn noch? Bewirbt sich Richard Williamson für den Posten als Papst? Hat sich Horst Mahler eigentlich schon für den Posten des Präsidenten des Bundesverfassungsgerichts beworben? Und hat sich
Ein exponierter Vertreter des Großbürgertums pöbelt gegen die Unterschicht und die Mehrheit des Volkes – darunter sicher auch viele Angehörige der angesprochenen Unterschicht – gibt ihm recht. Die öffentliche Diskussion um die neuesten polemischen Spitzen des Bundesbankers, SPD-Politikers und ehemaligen Berliner Finanzsenators Thilo Sarrazin nimmt von Tag zu Tag abstrusere Formen an. Hatte Sarrazin früher mit Vorliebe gegen die gesamte Berliner Unterschicht gepöbelt, zerrte er in seiner neuesten Philippika türkische und arabische Migranten in den Mittelpunkt seiner Angriffe – und siehe da, das Volk ist endlich auf einer Linie mit Pöbel-Thilo. Das alte Herrschaftsprinzip „divide et impera“ (teile und herrsche) hat anscheinend bis heute nichts von seiner Wirkmächtigkeit verloren.
Sarrazins Gedankenwelt ist im konservativen Bürger- und Großbürgertum weitverbreitet – die geistigen Brandstifter tragen auch die Namen Broder und Giordano. In ihren Köpfen spukt ein Kulturkampf, in dem eine neue fremde Kultur das jüdisch-christliche Abendland über das Schlachtfeld der Kreißsäle erobern will. Die Argumentationen dieser Vordenker der „neuen konservativen Revolution“ sind dabei keineswegs neu – Oswald Spengler, Othmar Spann, Ernst Jünger und in gewisser Weise sogar Carl Schmitt gaben einst vor, was ihre Nachfolger heute der Gesellschaft als Tabubruch verkaufen wollen. Oswald Spengler beschrieb bereits zu Beginn des letzten Jahrhunderts den Untergang des Abendlandes in einer schrittweisen Verdrängung der „kulturfähigen Bevölkerung“ durch „primitive und nicht entwicklungsfähige Volksmassen“. Die Neokonservativen unsere Zeit erweisen sich hierbei als gelehrige Schüler des Kulturpessimisten. Wenn Sarrazin von „dem Vietnamesen“ spricht, der – so Sarrazin – kaum Deutsch spricht und Zigaretten verkauft, oder „dem Türken“, der „weder integrationsfähig und integrationswillig“ ist und bestenfalls als Obsthändler der Gesellschaft das zurückgibt, was er von ihr einfordert, so klingt dies wie Spengler reloaded:
Für Thilo Sarrazin ist nur Leben erwünscht, das der Gesellschaft einen ökonomischen Mehrwert erwirtschaftet. Türken und Araber gehören für Sarrazin nicht dazu – deutschstämmige Angehörige der Unterschicht allerdings auch nicht. Daher ist es auch Sarrazins Wunsch, die Vermehrung solch ungewollten Lebens durch eine Umstellung des Sozialsystems zu verhindern – wenn er vorschlägt, man müsse das System so ändern, dass man durch „Kinderreichtum“ nicht mehr seinen Lebensstandard verbessern können solle, so heißt dies im Umkehrschluss, dass Eltern, die an der Armutsgrenze lavieren, durch ihren Nachwuchs endgültig in die Armut abfallen sollen. Der Gedanke hinter diesen Äußerungen ist die Geburtenkontrolle im Vorfeld. Es sind jedoch nicht nur Kinder der Unterschicht, die die Gesellschaft potentiell mehr kosten, als sie einbringen. Auch Behinderte gehören in diese Kategorie. Wenn man Sarrazins Gedanken konsequent zu Ende denkt, so landet man bei der Eugenik, deren Vordenker Rassenhygiene durch die Vernichtung und Vermeidung „unwerten Lebens“ erreichen wollten. Vernichten will Sarrazin „unwertes Leben“ nicht – er will die Geburt solch „unwerten Lebens“ lieber bereits im Vorfeld vermeiden.
Es ist nicht zu bestreiten, dass Deutschland ein Integrationsproblem hat. Die von Sarrazin angesprochenen Fehlentwicklungen haben jedoch weniger eine ethnische, sondern vor allem eine soziale Komponente. Die alten und neuen Unterschichten in Gelsenkirchen, Berlin oder Halle sind zuvörderst nicht deutsch, türkisch oder arabisch. Sie eint vor allem eins – sie sind arm und haben kaum Chancen, diesem Schicksal zu entkommen. Wer versucht, die Diskussion um Chancengerechtigkeit auf eine ethnische Schiene zu lenken, will nur einen Keil in die Gesellschaft treiben.
Sarrazins Philippika wäre nie von der Mehrheit der Bevölkerung begrüßt worden, wenn sich die Gesellschaft nicht bereits seit Jahrzehnten vor einer sachlich geführten Einwanderungsdiskussion drücken würde. Natürlich ist der rosarote Traum einer multikulturellen Gesellschaft gescheitert, natürlich gibt es vor allem bei Türken und Arabern ein massives Integrationsproblem, natürlich muss man darüber nachdenken und offen diskutieren, an welche Voraussetzungen eine Aufenthaltsgenehmigung in Deutschland geknüpft sein soll. Dies anzusprechen mag politisch unkorrekt sein, die Augen vor diesen Problemen zu verschließen, ist jedoch grundsätzlich falsch – mit Denkblockaden hat man noch nie Probleme lösen können.
Wie steht es um das Verhältnis zwischen Blogs und klassischen Medien? Ergänzen sich die neuen und die alten Publikationsformen, oder stehen sie miteinander in Konkurrenz? Diese Fragen versucht heute Abend um 22.05 die 




