Es gehört nicht viel Mut dazu, Gott und die Welt zu kritisieren, wenn man am warmen, sicheren Schreibtisch in Deutschland sitzt. Während wir hier offen über Ideologien diskutieren und jede Aussage der Mächtigen kritisch begleiten, sitzen Freunde des freien Meinungsaustausches anderenorts in Haft und müssen Folter und Erniedrigungen über sich ergehen lassen. Hossein Derakhshan, der unter seinem Pseudonym Hoder zu einem der bekanntesten iranischen Blogger wurde, ist einer von ihnen. Vor genau einem Jahr wurde er von Sicherheitskräften im Hause seiner Eltern festgenommen. Was ihm eigentlich genau vorgeworfen wird, weiß er immer noch nicht – immer wieder ist die Rede von Spionagetätigkeit für die USA oder Israel. Ein Vorwurf, der an Absurdität kaum zu überbieten ist. Nichtsdestotrotz wurde seine Untersuchungshaft mehrfach verlängert. Seitdem sitzt er – meist in Einzelhaft – im berüchtigten Evin-Gefängnis, in dem das Teheraner Regime seine Kritiker einkerkert, und in dem auch Hinrichtungen vorgenommen werden. Menschenrechtsorganisationen und Hosseins Familie berichten von Folter, Schlägen, abgepressten Geständnissen und Demütigungen. Ein Jahr in der Hölle – vom warmen Schreibtisch in Deutschland aus ist die Tragweite eines solchen Schicksals kaum zu erfassen.
Hintergrund und Vorgeschichte:
Wer Regimekritiker ist, bestimmen wir!
Der Fall Derakhshan
Der Blogvater muss schweigen
Hossein Derakhshans Geschichte ist gleich mehrfach tragisch. Als er vor einem Jahr nach achtjährigem Exil in seine alte Heimat zurückkehrte, glaubte er fest daran, man könne dem real-existierenden System Irans ein menschlicheres Antlitz verpassen. Doch nicht nur das – Hossein dachte sogar, man könne diese Reformen unter der Präsidentschaft Ahmadinedschads erreichen. Mehr noch, er nahm Ahmadinedschad sogar explizit vor den Anfeindungen exiliranischer Kritiker in Schutz und steht seitdem auch auf deren „Abschussliste“ ganz oben.
Ich hatte mich mehrfach mit Hossein unterhalten. Auch wenn wir fast niemals 100% einer Meinung waren, so hat mich sein tatkräftiger Idealismus doch sehr beeindruckt. Anders als wir deutschen Blogger, war Hossein davon überzeugt, durch seine Arbeit wirklich etwas verändern zu können. Als wir uns das letzte Mal unterhielten, wünschte ich ihm viel Glück, drückte aber meine Zweifel aus, dass er im Iran Ahmadinedschads mit seinen idealistischen Hoffnungen viel Erfolg haben dürfte.
Im Nachhinein muss ich leider feststellen, dass die Entwicklung mir recht gab und Hossein geradezu dramatisch falsch lag – ich würde mir jedoch von Herzen wünschen, dass ich unrecht behalten hätte. Die Situation in Teheran hat sich innerhalb des letzten Jahres komplett geändert. Ein kleines bisschen Hoffnung wurde brutal erstickt, und heute glaubt niemand mehr an die Möglichkeit, dass sich das iranische System von innen heraus und ohne den Druck von der Strasse reformieren könnte – schon gar nicht unter den Machthabern Khamenei und Ahmadinedschad. Ich bin mir ziemlich sicher, dass auch Hossein in diesem Sommer auf den Strassen Teherans demonstriert hätte. Dazu allerdings hatte er noch nicht einmal die Möglichkeit.
Doch sein Vertrauen in Ahmadinedschad war nicht sein einziger Fehler – Hossein dachte vor seiner Einreise auch, sein kanadischer Pass und die guten Verbindungen seiner Familie zur Führungsspitze in Teheran würden ihn vor eventuellen Repressionen schützen. Auch hier lag er dramatisch daneben. Iran erkennt doppelte Staatsbürgerschaften grundsätzlich nicht an und das kanadische Außenministerium scheint sich – freundlich formuliert – nicht eben ein Bein auszureißen, um seinen Staatsbürger aus dem Evin-Gefängnis zu holen. Anfragen bei der kanadischen Botschaft werden lediglich lapidar mit dem Hinweis beantwortet, man würde ja alles tun, was möglich sei, könne aber über Details natürlich keine Auskunft geben – dies ist zwar verständlich, aber da diese Standardantwort seit nahezu neun Monaten in Form und Vortrag dieselbe ist, kann man schon berechtigte Zweifel daran hegen, dass es den Kanadiern wirklich ernst ist.
Wann Hossein Derakhshan wieder auf freiem Fuß sein wird, ist unmöglich zu sagen. Die Situation wird jedoch von Monat zu Monat verzweifelter. Die letzte Information war, dass er nun in einen Hungerstreik getreten ist. Während Hosseins Familie, die ihn seit seiner Verhaftung erst zweimal sehen durfte, monatelang jeden Kontakt zu den Medien gescheut hat, um die Lage ihres Sohnes nicht unnötig zu erschweren, hat sich nun Hosseins Vater Hassan Derakhshan in einem offenen Brief an den Obersten Richter des Landes, Ajatollah Sadeq Amoli Larijani, gewandt.
Ein Jahr ist nunmehr vergangen, seitdem mein Sohn verhaftet wurde.
In all diesen Monaten, Tagen und Stunden haben meine Familie, meine Frau und ich immer gehofft, dass Hosseins Verfahren im Schoss des islamischen Rechts und der Gnade der islamischen Rechtsprechung in der Form behandelt wird, die ihm zusteht.
Ich muss an dieser Stelle sicher nicht erwähnen, dass wir immer wieder die zahlreichen Anfragen ausländischer Medien abgewiesen haben, die uns baten, Hosseins Lage zu beschreiben.
Sogar, als wir die übelsten Gerüchte über seine Behandlung aus halbstaatlichen Medien vernahmen, blieben wir ruhig, und in der Tat hat bis heute keine staatliche Stelle diese beängstigenden Meldungen dementiert – nicht nur, um unsere besorgten Herzen zu beruhigen, sondern vor allem, um die Unabhängigkeit der Justiz in diesem Fall zu wahren.
Während der gesamten Zeit durften wir unseren Sohn nur zweimal für wenige Minuten sehen. Stellen Sie sich das bitte einmal vor – alle sechs Monate, nur ein paar Minuten. Wir haben auch keine Informationen über seine rechtliche Situation.
Bisher wurde kein Gerichtsverfahren eingeleitet und wir wissen noch nicht einmal, welche Institution oder welcher Sicherheitsdienst Hossein überhaupt anklagt. Oft und über verschiedene Wege haben wir versucht, nähere Informationen über seine Lage zu erhalten – ohne Erfolg. Hat ein Häftling, der sich stets ehrenhaft verhalten hat, eine solche Behandlung verdient?
Oft hat mein Sohn in seinen Artikeln und in Gesprächen erwähnt, dass er sehr gerne seinem Land dienen würde. Er kam zurück nach Iran, um selbst Antworten auf die Anschuldigungen zu geben, die gegen ihn erhoben wurden. Hat ein Mensch, der aus Überzeugung in sein Land zurückkehrt, eine solche Behandlung verdient?
Wir beschweren uns nicht, weil Sie das Gesetz anwenden, sondern genau im Gegenteil – weil das Gesetz außer Kraft gesetzt wurde, weil Informationen vorenthalten werden und die bestehenden Gesetze nicht respektiert werden. Angeklagte haben Rechte, die Familien von Angeklagten haben Rechte – und wir wissen auch, dass diejenigen, die die Macht innehaben, auch dem Gesetz unterstehen und das Regeln und deren Befolgung wichtig sind.
Wir sind uns sicher, dass auch Sie der Überzeugung sind, dass ein Jahr brutale Haft keine angemessene Begrüßung für einen Menschen ist, der freiwillig und aus eigenem Antrieb in den Schoss Irans und des Islam zurückgekommen ist.
Meine Frau, meine Familie und ich hoffen immer noch auf eine gerechte Behandlung.Hochachtungsvoll,
Hassan Derakhshan
Es bleibt zu hoffen, dass das iranische Regime noch einen Hauch von Anstand hat und Hossein Derakhshan Gnade gewährt. Doch Hossein ist nicht der einzige Blogger, Journalist oder Aktivist, der zu Zeit sein Dasein in einem iranischen Kerker fristet. Ebenfalls in Haft sind Keyvan Samimi, Bahman Ahmadi Amoie, Abdollah Momeni, Mohammad Maleki, Ahmad Zeidabadi, Hangameh Shahid, Mohammad Ghoochani, Saeed Leylaz, Azar Mansouri, Shapour Kazemi, Issa Saharkhiz, Mohammad Reza Moghiseh, Fariba Pezhuh, Mostafa Tajzadeh, Abdollah Ramezanzadeh, Behzad Nabavi, Mohsen Mirdamadi, Feyzollah Arabsorkhi, Mohsen Aminzadeh – und diese Liste ließe sich mühelos verlängern.
Was können wir tun, um Hossein und all den anderen eingekerkerten Bloggern und Bürgerrechtlern zu helfen? Nichts, wir können nur hoffen. Hoffen, dass die Welt eines Tages gerechter wird – in Iran aber ebenfalls in Deutschland, auch wenn wir uns hier am warmen Schreibtischsessel immer noch in einer relativ komfortablen Lage befinden.
Jens Berger
© Spiegelfechter for Der Spiegelfechter, 2009. |
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Als in der zweiten Junihälfte Millionen Iraner auf die Strasse gingen, um gegen die Wahlfälschungen bei den Präsidentschaftswahlen zu demonstrieren, nahm die ganze Welt Anteil an ihrem verzweifelten Kampf gegen ein repressives Regime. Die grüne Revolution konnte das Regime in diesem heißen Sommer nicht stürzen und noch nicht einmal größere Konzessionen herausschlagen. Im Gegenteil – das Teheraner Regime zeigte sich von seiner hässlichsten Seite, ging mit aller Härte gegen jeglichen Widerstand vor und schürt eine Atmosphäre der Angst. Es existiert jedoch keine Macht der Welt, die es vermag, einen brodelnden Vulkan zu löschen. Je repressiver das iranische Regime auftritt, desto stärker brodelt der Widerstandswille der Opposition. Am 18. September demonstrierten alleine in Teheran hunderttausende grün gewandte Regimegegner auf den Straßen – für den 4. November sind die nächsten Massenproteste angekündigt. Die grüne Revolution ist nicht niedergeschlagen worden, sie findet lediglich abseits der Weltöffentlichkeit statt, die sich lieber mit dem iranischen Atomprogramm beschäftigt und beide Augen vor den Menschenrechtsverletzungen schließt.
Einige Angeklagte sind jedoch bereits in der Haft gestorben – sie erlagen ihren Verletzungen, die ihnen durch Folter und Vergewaltigung von ihren Peinigern zugefügt worden. Zwei junge Männer starben beispielsweise an inneren Blutungen, die bei Vergewaltigungen in der Haft entstanden sind. Alleine in Teheran klagen mittlerweile 37 junge Männer und Frauen, die aus der Haft entlassen wurden, über systematische Vergewaltigungen während ihrer Haftzeit – die Dunkelziffer dürfte wesentlich höher sein.
Als wirksam hat sich auch eine besonders kreative Form des passiven Widerstands herausgestellt. Oppositionelle beschriften Geldscheine mit Logos, Slogans und Bildern getöteter Demonstranten – alles in der revolutionären Farbe Grün gehalten. Da niemand einen Geldschein wegschmeißt und die iranische Zentralbank sich lange Zeit passiv verhielt, kursieren mittlerweile unzählige „oppositionelle“ Rials. Die subversive Geldkosmetik ist so erfolgreich, dass nun der Teheraner Stadtverordnete Morteza Talai dazu aufgerufen hat, Banknoten mit „antirevolutionären Slogans“ aus dem Verkehr zu ziehen. Über IRNA
Irans Opposition, die sich mittlerweile hinter den einflussreichen Politikern Mir Hossein Mussawi, Mehdi Karroubi und Mohammad Khatami zu dem Bündnis „Der grüne Pfad der Hoffnung“ zusammengeschlossen hat, will nicht länger schweigen. Fortan sollen an jedem offiziellen Feiertag regimekritische Kundgebungen und Aufmärsche der Opposition stattfinden. Die nächsten Protestaktionen sind für den 4. November 




