Porsche und die Marktwirtschaft
„In der sozialen Marktwirtschaft müssen wir einen Ausgleich zwischen Kapital und Arbeit finden“, meinte Porsche-Chef Wendelin Wiedeking im Mai 2005. Eine sehr löbliche Gesinnung, der auch Taten folgten. 2007 schüttete die Porsche AG je 5.300€ an seine 9.000 Mitarbeiter aus, 2008 sogar je 6.000€. Das Volk jubelt. Hosianna, St. Wendelin!
Gewinnverteilung Arbeitnehmer und Kapitalbesitzer:
1 zu 250
Als ich es im Leserforum einer großen deutschen Tageszeitung wagte, diese Frage zu stellen, tobten umgehend die Porsche-Mobber. Nur neidische linke Querulanten könnten es wagen, St. Wendelin in Frage zu stellen. Oder Gewerkschafter, die schon allein aufgrund der Forderung nach höheren Löhnen ein Übel seien, das man ausrotten müsse. Ohne Wiedeking sei Porsche verloren, und ein Wiedeking-Groupie forderte allen Ernstes, man möge ihn oder den Deutsche Bank-Chef Ackermann zum Kanzler machen. Halleluja!
Porsche - eine Investmentbank mit angeschlossener Automobilabteilung
Was hat Wiedeking geleistet? Eine Menge. Aber waren es Wunder? Nachdem sein überforderter Vorgänger das Kunststück fertig brachte, das Unternehmen trotz hochklassiger Produkte herunterzuwirtschaften, senkte Wiedeking zunächst die Kosten. Was war an dieser Idee neu? Das Hauptprodukt ließ er weiterentwickeln (wassergekühlter Motor und Facelift für den 911er). War das neu in der Welt der Betriebswirtschaft? Er stoppte ein erfolgloses Produkt (928er) und vermied nennenswerte Entwicklungskosten für Experimente. Könnten auch andere Manager auf solche Ideen kommen? Er erkannte, daß in der Luxusklasse kein zufriedenstellendes Wachstum möglich war und brachte für das untere Schicki-Micki-Segment den Boxster auf dem Markt – einen abgespeckten 911er. Ist Wiedeking der erste Vorstand, der auf die Idee kam, aus einer kleinen Nische in einem größeren Nachbarmarkt Wachstum zu suchen? 2003 sprang er auf einen bereits etablierten Zug auf (Cayenne für den SUV-Markt), indem er wieder auf Vorhandenes zurückgriff (Kombination 911er mit VW Touareg). Was war daran so außergewöhnlich?
Und schließlich sollte auch die Frage erlaubt sein: Welche Rolle spielte es für den Porsche-Erfolg, daß die Weltwirtschaft nach dem Fall des Eisernen Vorhangs eine globale Oberschicht hervorbrachte, die einen enormen Bedarf an Luxusautos hat?
Das glücklichste Händchen bewies Wiedeking mit Finanzvorstand Holger Härter, der mit Spekulationsgeschäften über 80% des Porschegewinns erzielte. Genau genommen ist Porsche heute eine Investmentbank mit angeschlossener Automobilabteilung.
Bundeskanzler Wiedeking?
Dies ist kein Wiedeking-Bashing. Er ist zweifellos ein guter Manager Aber kann er über Wasser gehen? Ist er der Messias, den die naiven Jünger des Neoliberalismus in ihm sehen wollen? Wahrscheinlich nicht. Was sind seine Prioritäten? In Interviews betont er immer wieder, daß die Mitarbeiter nach der Kundschaft für ihn am wichtigsten seien. Gefolgt von Partnerunternehmen, Lieferanten, Händlern und - an letzter Stelle – die Aktionäre. Warum erhält dann die angeblich unwichtigste Gruppe 99% des Gewinns?
Im Gedankenspiel „Bundeskanzler Wiedeking“ hätte er nicht nur ein elementares Wahlversprechen gebrochen, sondern auch die Umverteilung des Volksvermögens von unten nach oben massiv vorangetrieben. Insofern würde er sich in die Tradition bisheriger BundeskanzlerInnen einreihen. Wiedeking mag durchaus gute Absichten haben. Letztendlich ist aber auch er nur ein Erfüllungsgehilfe milliardenschwerer Feudalherren (die passenderweise ihre Milliardenvermögen in Steueroasen dem deutschen Fiskus entziehen) und (so wie alle Vorstände von Aktiengesellschaften) ein Getriebener der Kapitaleigentümer (siehe „Wir sind alle Getriebene“, Interview mit SAP-Chef Kagermann).
Wiedeking in der Welt der unteren 95%
In der Vergangenheit ließ Wiedeking Produkte für Menschen bauen, die nicht wissen, wohin mit ihrem Geld. Produkte, die sich seine Arbeiter nicht leisten können. Interessant wird es nun bei Volkswagen. Wie erfolgreich kann er bei einem Massenhersteller sein, dessen Kunden (im Gegensatz zu Porsche-Kunden) immer weniger Kaufkraft haben? Wir sind gespannt.
Warum von den Regierungsparteien nichts zu erwarten ist
Nachdem wir diesen Bogen gespannt haben, landen wir bei Artikel 14 Abs. 2 unseres Grundgesetzes: „Eigentum verpflichtet. Sein Gebrauch soll zugleich dem Wohle der Allgemeinheit dienen.“ Auf dieser Grundlage könnten die Regierungsparteien ein Gesetz beschließen, das die unteren 90% unserer Gesellschaft an den immer weiter steigenden Unternehmensgewinnen beteiligt. Warum geschieht das nicht? Wären die Nebeneinkünfte unserer politischen Entscheidungsträger wirklich transparent, könnte man diese Frage wahrscheinlich beantworten – aber auf das Thema Korruption bzw. Interessenkonflikte kommen wir später zurück.





