Wer denkt, Afghanistan ließe sich durch Wahlen befrieden, sollte sich besser die letzten dreißig Jahre der afghanischen Geschichte anschauen. Seit dreißig Jahren tobt in Afghanistan ein Krieg mit immer wieder wechselnden Fraktionen. Dem Land fehlt nicht nur jede demokratische Erfahrung, um sich nach Vorstellung des Westens in eine zentralistische Demokratie nach westlichem Muster zu entwickeln. Dem Land fehlt zudem alles, was einen Staat nach geltender Staatslehre ausmacht – spätestens seit Beginn des Bürgerkrieges hat Afghanistan kein klar zu umreißendes Staatsgebiet, es gibt kein klar zu umreißendes Staatsvolk, und eine Staatsgewalt, die landesweit ein Gewaltmonopol innehat gibt es auch nicht. Wofür kämpfen wir eigentlich am Hindukusch? Was soll aus den Stammesgebieten werden, die wir Afghanistan nennen?
Der dreißigjährige Krieg
Seit dem Jahr 1978 herrscht in Afghanistan Krieg. Zunächst tobte ein Bürgerkrieg zwischen der neuen kommunistischen Zentralregierung und den Mudschaheddin. Dann kamen 1979 die Sowjets ins Land, mussten aber trotz eines Truppenaufgebots von 115.000 Soldaten das Land 1989 geschlagen verlassen. Über 13.000 sowjetische Soldaten mussten das Abenteuer mit ihrem Leben bezahlen, über 35.000 wurden verwundet. Auf Seiten der von Saudi-Arabien, den USA und Pakistan unterstützten Mudschaheddin fielen rund 170.000 Soldaten, die Zahl der zivilen Opfer ist schwer zu schätzen – meist wird jedoch eine siebenstellige Zahl genannt. Nach dem Abzug der Sowjets folgten mehrere Phasen des Bürgerkriegs – zuerst kämpften die Mudschaheddin gegen die Kommunisten, dann zerfielen sie nach dem Sieg in verschiedene Fraktionen, die sich gegenseitig bekämpften, wobei sich schließlich die Taliban durchsetzten. Kaum waren die Taliban an der Macht, ging es jedoch nahtlos weiter – nun führte man vor allem im Norden Krieg gegen die sogenannte Nordallianz. Nach den Anschlägen auf das World Trade Center mischten nun auch die USA und Großbritannien im afghanischen Krieg mit. Zunächst koalierte man mit der Nordallianz, um später eine Regierung nach eigenen Vorstellungen zu formen. Der Krieg jedoch ging weiter.
In den letzten acht Jahren kämpften 44 Staaten an der Seite der neuen Zentralregierung gegen ein unübersichtliches Konglomarat aus Widerstandsgruppen, die gerne unter dem Sammelbegriff Taliban zusammengefasst werden. Das Truppenaufgebot der ISAF und der außerhalb des NATO-Einsatzes kämpfenden Amerikaner und Briten hat bereits heute die höchste sowjetische Truppenkonzentration im Jahre 1988 überschritten, Tendenz stark steigend – dafür sind die Verluste wesentlich geringer. Rund 1.500 Koalitionssoldaten fielen bisher im Einsatz in Afghanistan, die Zahl der militärischen afghanischen Verluste beträgt rund 5.000 bei den Regierungstruppen und rund 25.000 bei den Aufständischen, die Zahl der zivilen Opfer lässt sich wie so oft nur schätzen. Seit Beginn des dreißigjährigen Krieges sind über 2 Millionen Menschen an den Kriegsfolgen gestorben und unzählige Menschen wurden durch die Kriegswirren vertrieben. Und es gibt keinen Grund anzunehmen, dass der Krieg in absehbarer Zeit ein Ende finden wird. Der Traum des Westens, sich aus dem Land zurückzuziehen, sobald eine starke und allseits akzeptierte Zentralregierung in Kabul wieder ihr Machtmonopol durchsetzen kann, scheitert bereits im Ansatz. Afghanistan ist kein Staat, Afghanistan ist ein unüberschaubares Stammesgebiet mit unüberschaubaren Interessenkonflikten.
Ist Afghanistan eigentlich ein Staat?
Der Theorie zufolge muss ein Staat ein Staatsgebiet, ein Staatsvolk und eine Staatsgewalt aufweisen können. Fehlt auch nur eines dieser Elemente, kann man nicht von einem Staat sprechen. Afghanistan fehlen jedoch alle drei Elemente. Die Grenzen Afghanistans entsprechen in ihrer Form eher der kolonialen Vorgeschichte der Region, als einem gewachsenen Staat. Das heutige Afghanistan geht im Wesentlichen auf die Staatsgründung von Khorasan im 18. Jahrhundert zurück – nur dass das damalige Staatsgebiet neben Nordafghanistan auch das ganze heutige Tadschikistan, die Hälfte Usbekistans und Turkmenistans und Teile des Irans umfasste, dafür aber nicht die paschtunischen Gebiete Südafghanistans. Das heutige Afghanistan ist eher ein Sammelbecken für Stammesgebiete, die zu Zeiten des „Great Games“ weder von den imperialistischen Russen im Norden, noch den imperialistischen Briten im Süden und Osten erobert werden konnten. Warum gehören die paschtunischen Provinzen im Süden und Osten des Landes zu Afghanistan und die Provinz Waziristan zu Pakistan? Warum gehören die usbekisch und tadschikisch dominierten Teile im Norden nicht zu Usbekistan oder Tadschikistan, sondern zu einem afghanischen Staat?
Genauso unscharf wie das Staatsgebiet lässt sich das Staatsvolk umreißen. Im Norden leben Stammesgruppen, deren Name bereits an die Nachbarstaaten Usbekistan, Tadschikistan und Turkmenistan erinnert. Im Westen und der Landesmitte leben hauptsächlich Stämme, die persischer Herkunft sind, und im Süden und Osten die Paschtunen, die auch in den benachbarten Regionen Pakistans die Bevölkerungsmehrheit bilden. Klassische Afghanen gibt es nicht – genau so wenig wie eine afghanische Sprache. In Afghanistan gibt es 57 verschiedene Sprachen und über 200 verschiedene Dialekte. Weitverbreitet sind jedoch Persisch, das auch in Tadschikistan Landessprache ist, und Paschtu, die Sprache der Paschtunen. Ein afghanisches Staatsvolk und ein afghanisches Staatsgebiet sind somit eher ein Produkt der Phantasie westlicher Politiker, die sich in kolonialistischer Tradition über ethnische Grenzen hinwegsetzen. Bedeutender als diese traditionellen Faktoren ist jedoch die fehlende Staatsgewalt bei der Beurteilung der Zukunft Afghanistans.
Macht oder Ohnmacht?
Die Farce um die Präsidentschaftswahlen in Afghanistan hat vor allem eines klargemacht – es ist vollkommen egal, ob der Präsident Karzai oder Abdullah heißt, es geht letztlich nur darum, wer in einem durch und durch korrupten Zentralregierungsapparat die Pöstchen besetzt. Reale Macht hat die Zentralregierung nur in einigen Teilen des Landes und dort auch nur deshalb, weil entweder die Günstlinge des Präsidenten mit Geldern des Westens geschmiert werden oder westliche Soldaten diese Macht durchsetzen. Im August hat gerade einmal jeder dritte Wahlberechtigte für einen der Bewerber gestimmt. Vor allem in den Provinzen stimmte kaum ein Afghane aus eigner Überzeugung ab, sondern meist auf Weisung des Stammesführers oder des Dorfältesten, die sich von den Bewerbern haben kaufen lassen. Dass jede dritte Stimme für Karzai und – worüber selten berichtet wird – auch jede achte Stimme für seinen Herausforderer Abdullah ungültig war, spielt dabei schon wieder fast keine Rolle. Der gewählte Präsident hat keine Legimitation vom Volk, wie es das westliche Demokratieverständnis definiert – Wahlfälschung hin oder her.
In den Provinzen weiß kaum ein Bauer, wer Karzai oder Abdullah eigentlich sind, noch hat er jemals Kontakt mit der Kabuler Zentralregierung. Die lokale Macht wird durch die Dorfältesten, die Stammesführer oder lokale Warlords ausgeübt. Die Kabuler Zentralregierung ist in vielen Gebieten überhaupt nicht durch staatliche Stellen vertreten und hat noch nicht einmal die Macht, Steuern für die Zentralregierung zu erheben. Egal ob der Präsident Karzai, Abdullah oder auch Micky Mouse heißen mag – außerhalb Kabuls wird dies weder wahrgenommen, noch macht es einen Unterschied. Lediglich der Westen und die Günstlinge der Zentralregierung interessieren sich für diese Frage.
Wofür kämpfen wir?
Wenn die Besatzungstruppen der westlichen Staaten abziehen, würden Karazai und seine Günstlinge das Land schneller mit Koffern voller Geld verlassen, als der AFN „White Christmas“ spielen kann. Im Süden und im Osten würden die Taliban bereits am nächsten Tag die Macht übernehmen und der nächste Bürgerkrieg mit einer neuen Nordallianz stünde vor der Tür. Dies ist sicher keine zufriedenstellende Perspektive, aber was ist die Alternative?
Afghanische Analysten sehen die in den Kinderschuhen steckende Demokratie des Landes mittlerweile nicht nur durch die Taliban und andere Widerstandsgruppen bedroht, sondern vor allem durch die antidemokratischen Tendenzen der Regierung Karzai. Als Anfang des Jahrzehnts amerikanische Bomber von ihren deutschen Stützpunkten aus Richtung Afghanistan flogen, hieß es, man wolle das Land mit Gewalt in die Demokratie bomben. Man kann einem Land ohne jegliche demokratische Tradition nach westlichem Verständnis aber keine Staatsform überstülpen, die auf westlicher Demokratie und einem westlichen Zentralstaatsprinzip fußt. Was kann man überhaupt unternehmen, um den fortwährenden Krieg zu stoppen?
Wahrscheinlich bräuchte es eine regionale Konferenz, bei der alle Beteiligten an einem Tisch sitzen und es keine Denkverbote gibt. Die Landkarte muss wahrscheinlich neu gezeichnet werden, um das Morden zu beenden. Warum sollten die nordafghanischen Provinzen mit usbekischer, tadschikischer und turkmenischer Bevölkerung nicht vom Land abgespalten werden? Auch Iran müsste sein westafghanisches Teil vom Kuchen abbekommen – für den Westen ist dies freilich undenkbar. Ein noch größeres Problem für den Westen stellen allerdings die paschtunischen Gebiete dar – auch die paschtunischen Regionen Pakistans entziehen sich weitestgehend der dortigen Zentralregierung. Eine Neuordnung der Strukturen würde daher wohl auf einen eigenständigen paschtunischen Staat hinauslaufen, der allerdings ein fundamentalistischer Gottesstaat werden dürfte. Dies will weder der Westen, noch einer der Anrainerstaaten. Um diesen Gottesstaat zu verhindern, muss der Krieg anscheinend weitergeführt werden. Wie viele Millionen Opfer müssen diesen Wahn noch mit ihrem Leben bezahlen? Soll man den Fundamentalisten doch ihren gottverdammten Gottesstaat lassen – eine hohe Mauer drum herum und die Welt hat wieder Ruhe. Man kann Menschen nun einmal nicht zu einem Glück zwingen, das noch nicht einmal ihrem Verständnis von Glück entspricht.
Jens Berger
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